2001 Zeitungen Újságcikk

  2001 Oktober, ungarischer Zeitungsartikel über den Besuch des Musikvereins Schweiburg in Bakonynána.
  2001 Október
  2001 Október
 

 

Besuchschronik 04. - 11. 10. 2001   

 

Jo reggelt Bakonynana! Guten Morgen Bakonynana! 

                                        

Eine schöne Zeit mit Euch unter der ungarischen Sonne.

 

Das Kribbeln der Vorfreude auf die Reise wurde noch größer, als wir die Fahrkarten hatten.

Jetzt geht s bald los. Der Paß war gottdank noch nicht abgelaufen. Es wurde überlegt, was ziehe ich an?, was nehme ich mit? Die Koffer standen schon einen Tag vorher parat. Der Nachbar war bereit, uns mitten in der Nacht nach Varel zum Bahnhof zu fahren, wo die Gruppe des Spielmannszuges Schweiburg mitsamt Instrumenten und Gepäck den Bahnsteig als lebhaft erscheinen ließen und auf den Zug um 04.45 Uhr warteten. Der ließ sich aber lange 10 Minuten Zeit. Endlich. Wir saßen in den passablen Abteilen der Nordwestbahn, einige wenige Mitreisende, unausgeschlafen wie wir, in das Nachtdunkel schauend, ohne wirklich etwas zu sehen.

 

Über die Umsteigestation Oldenburg kamen wir zur beginnenden Tageshelle über Hannover mit 15 Minuten Verspätung zur nächsten Umsteigestelle: Göttingen. Beruhigung, Beruhigung! Der ICE wartet auf uns! Und wir haben ja Platzkarten. Was soll da schon geschehen! Nun ja, drei schwere Koffer in zwei Händen wollen bewältigt sein. Aber die Schweiburger hatten es ja schwerer im wahrsten Sinne des Wortes: zum persönlichen Gepäck mussten die Instrumente verstaut werden.

 

Die passen nicht gerade in die Hutablage oder an den sichtversperrenden Mantelhaken. Im Gang wurde es eng. Der ICE "Veith Stoß" rollte. Wir waren drin. Nun hieß es, die reservierten Plätze finden. Gepäckdick entschuldigten wir uns durch die Reihen. Ging nicht anders. Wie der Schaffner sagte, war die Wagenreihenfolge des sehr langen Zuges genau umgekehrt, als auf den Anzeigetafeln ausgeschildert ... Der Zug raste mit bis zu 250 kmh durch die Lande, Richtung Kassel, Fulda, Würzburg, Nürnberg, hügelauf, tunneldurch, dorfvorbei, so schnell bin ich noch nie mit Bodenkontakt gefahren. Uns fielen Elisabeth Simons Worte ein, als wir sie im August in Jade gefragt hatten, wie die Fahrt sei: Wunderschön, bissel anstrengend, nur auf der landschaftlich schönen Strecke zwischen Würzburg und Hannover lauter Tunnelnacht, nix schöne Landschaft! Jetzt konnten wir es selbst erleben.

 

Es blieb bei 15 Minuten eingefahrener Verspätung. Der Anschlußzug in Nürnberg wartete aber geduldig. Schließlich schien man zu wissen, dass eine erkleckliche Anzahl Passagiere mit Gepäck und Platzkarten den nun nicht mehrfach am Tag nach Ungarn rasenden Zug bekommen mussten. Oder lag es daran, dass der ICE "Franz Liszt" in musikalischer Verbundenheit Erbarmen mit dem Schweiburger Musikverein und den beiden Sangesfreunden Emmrich hatte? ...Aber auch hier Streß, bis das richtige Abteil und die winzigen Sitzplatz-Nummernschildchen gefunden waren. Lass doch den Himmel draußen bedeckt sein. Wir sind fröhlich und gutgelaunt, nun haben wir 7 Stunden Zeit. ...

 

Die Walhalla bei Regensburg haben wir nicht gesehen, aber die Spitze vom renovierten Dom und noch mehr von der Halbinselstadt Passau. Durch die liebliche Landschaft, wo man überall hätte Urlaub machen mögen, raste "Franz Liszt", scherte sich 'nen Deuwel an der österreichischen Grenze. Nur die etwas anderen Schilder und gewisse Geografiekenntnisse liessen uns sicher sein, durch Deutschlands beliebtestes Nachbarland zu rollen. Faszinierend der Anblick der riesigen barocken Klosteranlage von Melk, weiter gings, fast im Fluge zur Strauß-, Beethoven-, Kaiser- und Hauptstadt Wien, wo man geneigt ist, den Straßenlärm im Dreivierteltakt zu hören und die Zugdurchsagen am Bahnsteig, trotz charmanten Dialektes, nicht versteht. Wie toll das aussieht: Großes Schild ICE nach Budapest und wir sind drin. Ein herrliches Gefühl. Die Fahrt saust weiter, nicht weit vom Neusiedler See, dem Steppenseebruder zum Plattensee, ohne Halt in den kleinen Weinbauerndörfern, unabänderlich zur ungarischen Grenze. Die Gegend wird etwas langweiliger, ungepflegter, Überreste früherer Weltgrenzen, Reste von Schuppen, rostige Gerätschaften, vorbei, vorbei

 

wir sind in Ungarn, 12 x kartenkontrolliert und paßgemustert von österreichischen, ungarischen Bahnbegleit-, -Polizei, und Zollbeamten. Noch 1 ½ Stunden Fahrt durch flaches Ungarnland. Ich summe das Jugend- und Fahrten- oder ist es ein Soldatenlied (?) "Dort drunt im schönen Ungarnland, wohl an dem blauen Donaustrand, da liegt das Land Magyar... !"

 

Da - die ersten Schilder von Györ, Bremsen quietschen, Herzklopfen, ob wir abgeholt werden? Viele Ungarn stehen auf dem Bahnsteig, sicher alles Reisende, nein, mittendrin Kati Hallooo Kati! - raus aus dem Zug, umarmt, herzlich willkommen Jade steht auf dem Empfangsschild, Hände schütteln, die Koffer werden getragen, wir sind da! Durch den Bahnhofstunnel zum Vorplatz, wo (wir sagten später unser ) Ungarnexpreßbus stand. Der schnauzbärtige Fahrer bekam Koffer und Instrumente auch da noch untergebracht, wo wir keinen Platz mehr für eine Aktentasche gefunden hätten. Hattet Ihr eine gute Reise? Ja und Wie! Wir freuen uns doch auf den Besuch bei Euch! Ja, und wir freuen uns auf Euch! Herzlich Willkommen! Wer uns die Koffer getragen hat: ? Nachträglich danke!

 

Es ist laut im Bus, als ob jeder jeden zum erstenmal sieht. In einer unvergleichlichen Galoppfahrt brausen wir rallye-ähnlich durchs Land, sehen vor Ankommbegeisterung nicht viel im langsam dunkeldämmrigen Abendlicht. Zu Hause auswendiggelernte Ortsnamen tauchen auf, dann endlich

 

                                               B A K O N Y N Á N A .

 

Leicht windschief, aber deutlich zu lesen ist das Straßenschild! Besonders freudiger Gag: Der Busfahrer hupt ununterbrochen, als er - jetzt in ungewohnter Langsamfahrt - den Bus die Dorfstraße hinunterrollen lässt. Herrlich! Tauchen da nicht Leute auf? Ja, einige winken sogar! Das gilt uns! Leute, wir werden richtig empfangen! Zweimal hupt s: das heißt wohl: Jade! Vielmal hupt's, das heißt wohl Bakonynána! Stop! Empfang vor dem Kulturhaus! Empfang im Kulturhaus! Empfang überall! Elisabeth, Kati und Elek umarmen, Bürgermeisters Miklós Kropf's Hände schütteln, viele Hände schütteln, in freundliche Gesichter blicken - wir sind angekommen! An die hundert Menschen drängen sich drinnen und draußen, um dabei zu  sein. Freundliche Worte des Empfangs bei Gebäck und Getränk, von Bürgermeister Miklós Kropf, von Elisabeth Simon, von Dieter Büsing und von mir, Ferdinand Emmrich. Ich sagte auf ungarisch Jo reggelt, Bakonynána! , das wurde sehr gut aufgenommen und wurde paar Tage später in der dortigen Tageszeigung als positiver Aufruf an Bakonynána interpretiert.

 

Ohne Übersetzung erzählt jeder jedem, Hochstimmung im Saal. Klärung wer wohnt bei wem, nach und nach abdüsen in die Privatquartiere, freundliches Zurufen: Bis Morgen! Bürgermeister, ab sofort Miklós genannt, nimmt uns (Ehepaar Emmrich) mit in sein modern eingerichtetes,  sehr großes Haus  Korona Mulato, wo uns seine Frau Zita und der ca. 4-jährige Sohn Miki herzlich begrüßen und sich an den kleinen Gastgeschenken erfreuen. Zita serviert der Familie und uns beiden Gästen sogar noch einen Hähnchenschnitzel-Nudeln-Auflauf  am Familientisch, an dem Onkel Andreas András Venczel als Dolmetscher dabei sitzt, während Miklós noch eine Flasche Wein als Willkommenstrunk öffnet. ...

 

Erstes ruhig-nettes Plaudern in kleiner Runde, wir können kein Ungarisch, Zita und Miklós können leider kaum Deutsch (zumindest aber besser verstehen als sprechen), aber man versteht, was der andere sagt, bestätigt Andreas, der ab jetzt zum fast täglichen, treuen Reisebegleiter avanciert. Dann heißt es: Ab in die Hängematten ... ins hübsche, hellholzige Gäste-Appartement, wo an der sauberweiß getünchten Wand ein Fernweh-Bild Segelschiff auf dem Meer hängt, gerade gegenüber vom bequemen Doppelbett. Naßzelle, Dusche und WC sahen wir erst am nächsten Morgen.

 

 

Freitag, 05.10.2001

 

Der Tag beginnt sonnig, es wird, wie an den nachfolgenden Tagen auch, sommerlich warm mit durchschnittlich 27 Grad. Nein die Pullover und Jacken, die zu Hause richtig gewesen wären, brauchen wir hier nicht. Kurzärmelig ist angesagt.

 

Am Frühstückstisch sitzt die ganze Familie und der knapp 2-jährige Sohn Tommi komplettiert die Runde,  sitzt quietschvergnügt in seinem Kinder-Hochsitz dabei. Zum Frühstück gibt es helles Weißbrot, Butter, Marmelade, Honig, Milch, Saft, Paprika, Salami und Käse. Uns geht s gut!

 

Miklós nimmt uns mit in sein Bürgermeisteramt, vor dessen Eingang wir den Musikverein wiedertreffen. Unter der Führung von Miklós und Elisabeth besichtigen wir das renovierte und neuzeitlich eingerichtete Verwaltungsgebäude.

 

Kati und Elek sind natürlich auch dabei. Áttila, der junge und sehr gut deutsch-sprechende Gemeindedirektor und die beiden netten Büroangestellten, wie sich später herausstellt, die überall-und-alles-Helferinnen, werden uns vorgestellt.

 

Wir lernen eine Menge Leute kennen, die uns in den nächsten Tagen immer wieder freundlich begegnen, die uns begleiten, Sehenswertes erklären oder im Hintergrund für den reibungslosen Ablauf sorgen. Ich möchte sie gerne alle einzeln und ausführlich beschreiben, diese netten Menschen mit ihrer natürlichen Herzlichkeit. Aber das kann ich hier nicht. Ich empfehle Dir, fahre selber hin oder lade sie ein und lerne sie kennen, Kornélia, Maria, Joszéf, István ... und all die, die uns sehr freundlich begegnet sind und die wir sehr gerne wiedersehen möchten.

 

Neben dem Bürgermeisterbüro ist das Büro von Elisabeth Simon, der Leiterin der Deutschen Minderheit in Bakonynána. Eigentlich möchte ich sagen, der deutschstämmigen Bevölkerung; denn sie sind hier im Ort die Mehrheit und bilden einen lebhaften, agilen Kern der Gemeinde Bakonynána. Daneben sind die Verwaltungsräumlichkeiten für den Gemeindedirektor Sümegi Áttila, fortan Áttila genannt und die beiden weiblichen Angestellten, die sich mir zum Foto stellen. Ah, da ist der PC, über den zentral unsere e-mail-Kontakte laufen. Damit ist die Verwaltung komplett.

 

In der hellen, holzverschalten Bibliothek mit den offenen Buchregalreihen steht in der Mitte dieses großen Schrägdachraumes eine Tischreihe mit Gebäck und Getränken für uns. Offizielle Grußworte und kleine Geschenke werden getauscht, es wird gelacht und man spürt, es harmoniert.

 

Unten, oder war es nebenan, ist der Kindergarten in mehreren Gruppen untergebracht. In niedlichen, kindgerecht- eingerichteten Räumen stehen die Kinder erwartungsvoll, um wenige Momente später mit ihren Betreuerinnen zu springen, zu hüpfen, zu tanzen, zu singen. Ja sie singen uns deutsche Kinderlieder: Schön, daß wir beisammen sind ... und .. ein, zwei, drei, wir tanzen heijuchhei... und freuen sich über die mitgebrachten Kleinigkeiten, besonders die Laternen und die Luftballons, bevor sie auf dem großen Spielplatz mit seinen massiven Holzspielgeräten toben dürfen.

 

Elisabeth, Joszéf und Áttila führen uns ins Souterrain, ins Heimatmuseum Helytörténeti Kiállitás. Wir sehen alte Schriften, Bilder, auf denen uns Familiengeschichten erläutert werden. Spinnrad, Waschzuber, Butterherstellgerätschaft, Küchenutensilien, Geschirr, Wäsche, hölzerne landwirtschaftliche Geräte; alte, schmuckkantenverzierte Bauernschränke bekommen wir zu sehen, bevor wir uns ins Gästebuch eintragen. Feuerwehrgeräte, Helme, hölzerne Seifenherstellgeräte, Bohnensieb, Heugabeln, Bauernbetten, gestickte Familienstammbäume, Uniformen, Bauernkleidung - es gibt vieles zu sehen, das Áttila, Joszéf und Elisabeth uns erklären. Besonders Joszéf Tavás, der feine, gebildete Herr, Vorgänger von Miklós als Bürgermeister und dessen Wegbereiter mit großem Weitblick und - über 40-jähriger Erfahrung im Bergbau, versteht es, uns die existentielle Bedeutung des Braunkohle-Bergbaues für Bakonynána und die ganze Region vor Augen zu führen.

 

Paar Schritte weiter, durch die sonnigwarme Luft, und wir sind an der Schule mit ihrem sandbodigen, teils betonierten Schulhof. Nein ich beschreibe die Gebäude von außen nicht, komm uns besuchen, mache Dir ein Bild von den Fotos, die ich Dir gerne zeige. Im braun-kariert-gefliesten Treppenhaus hängen große Bilder mit den jeweiligen Schulabgangsklassen an den Wänden - eine schöne Erinnerung für Lehrer und Schüler. Ach ja, da ist ja auch Horniák Elek zu sehen, unser Freund, der Musiklehrer. Und Forsthoffer István, der Schulleiter. Er führt uns leibhaftig durch vier Klassen. In einer wird für uns gesungen, in einer anderen schauen uns große Kinderaugen neugierig an. Eine Klasse überreicht selbstgemalte Bilder. Dann sehen wir den Computerraum mit 12  kleinen PC's, wo die Schüler die elektronische Kommunikation in der Windows-Welt erlernen. Etwas länger stehe ich im kleinen Musikzimmer, wo Elek, am Klavier sitzend, für's Foto posiert und paar verspielte Takte ungarischer Tanzmusik zum besten gibt. Wir lachen, obwohl er wenig Deutsch spricht, verstehen wir uns prächtig.

 

Auf der Postkarte sieht die katholische Dorfkirche frisch gestrichen unter blauem Himmel schon schmuck aus. Die Wirklichkeit ist besser. Unsere Menschengruppe belebt das Bild, das nicht ungeknipst bleiben darf. Wir sind still, als uns die Gedenktafeln der Weltkriege erklärt werden. Dann das Innere der Kirche: Der rote Kokosteppich führt vorbei an den beiden Bankreihen direkt auf den Altar mit seinem bunthölzernen Altaraufsatz zu. Wunderschön überstrahlt das durch die hohen Glasfenster einfallende Sonnenlicht den Marien-Nebenaltar, Taufbecken und Leuchter. Über die mit christlichen Motiven gezierte hölzerne Kanzel und die in hellem beige-braunen Farbtönen frisch gestrichenen Wände gleitet der Blick zur etwas zu klein wirkenden Orgel. Gerne hätte ich ihren Klang gehört. Elisabeth erläuterte uns den Sakralbau sehr interessant. Leider ist die seelsorgerische Betreuung der Gemeinde im Argen, da der Pfarrer seit langem krank ist. Die von der Kirchengemeinde Jade mitgebrachten Gemeindebriefe (in denen  mein Bericht des Besuches von Elisabeth, Kati und Elek in Jade in Kurzfassung aufgenommen wurde) übergebe ich als Gruß von christlicher Gemeinde zu christlicher Gemeinde, als Zeichen weitreichend gemeinsamen Glaubens.

 

Fast nicht zu glauben, aber wahr ist, das oberhalb der schmalen, dunklen, ausgetretenen Holzstiegen zum Glockenturm, gleich über dem Orgelboden das Reich der Fledermäuse beginnt. Man muss sich schon tüchtig drehen und recken, um durch das massive Gehölz den Blick nach oben zur patinierten, grün-grau schimmernden Glocke zu richten. Abenteuerlich denke ich übertriebenermaßen an den Glöckner von Notre Dame und freue mich, nicht den schweren Glockenstrang, der vor nicht allzu langer Zeit der elektrischen Anlage den Vortritt lassen musste, ziehen zu müssen.  Schau Dir die Dias an, Du wirst von der Kirche gefangen sein.

 

Hinter der Kirche der putzweiß-mauerumwehrte Friedhof mit seinen uralten Gedenksteinen, viele davon mit deutschen Namen. Rasen bedeckt den Boden, an dessen Ende die Stufen einer breiten Steintreppe zum beachtlich großen Ehrenmal, symbolisch dargestellt als  Kreuzigungs-gruppe, hinaufführen. Hier soll restauriert werden, wird uns erzählt. Und man zeigt uns den herrlichen Blick von dieser erhobenen Stelle auf die Dorfstraße, die Gärten, die sich in der Ferne hin zum Bakonywald verlieren. Hinter dem Ehrenmal, leicht hügelan, ist von den Männern des Dorfes vor ca. einem Jahr ein großer Spielplatz aufgebaut worden. Seine großen, dickholzstabilen Geräte werden - von wem wohl - von unseren Erwachsenen für Minuten abgeschaukelt und abgeturnt, bevor die Jugendlichen des Musikvereins ihre Rolle auf der Querstange drehen können.

 

Währenddessen erzählt Joszéf von der  im Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Bakonynána stattgefundenen Opferschlacht, in der 25 junge deutsche Soldaten getötet wurden, die heute ihre letzte Ruhestätte auf dem Heldenfriedhof bei Veszprém gefunden haben. Hier gegenüber, die waldigen Hänge, so weiß er zu erzählen, gehören zum gut 2.000 ha großen Wald , einem Großrevier für Hirsch und Pirsch. Und er erzählt weiter, dass die Verwaltung für Bakonynána, den Nachbarort Dudar und weitere Dörfer 1985 bis 1990 zentral in Dudar angesiedelt war. Bakonynána war nach der Stillegung des Bergbaues unbedeutend geworden. Dann bekam Bakonynána aber in seiner Bürgermeisterzeit einen Kindergarten, ermöglichte den Anschluss an das Trinkwasser -Versorgungsnetz. Das Trinkwasser wird aus 300 - 500 m Tiefe geholt. Über 50 % der Häuser wurden an das Kanalisationsnetz angeschlossen, der Rest folgt nach und nach. Eine schwere, aber weitsichtige, gute Überzeugungsleistung. Der heutige Bürgermeister Miklós hat die Verwaltung nach Bakonynána geholt, die anderen Orte haben eigene Verwaltungen.... Ja, Miklós ist ein toller Bürgermeister, der schon sehr viel Gutes für uns getan hat ...höre ich immer wieder.

 

Wir spazierten zum Dorfplatz, dort wo die fliegendenden Händler ihre Ware feilbieten. Dort, wo an der Straßenkurve das Lokal liegt, aßen wir zu Mittag. Es gab eine leckere orangerote Obstsuppe, Schnitzel mit Reis und Krautsalat, dazu ein Getränk nach Wahl, Wasser, Wein und Bier als Labsal.

 

Nachdem wir uns - einjede(r) auf seinem Privatquartier-Zimmer - frisch gemacht hatten, fuhren alle in Begleitung von Kati, Kornélia und Andreas mit dem Bus ca 15 km nach Tés, dem alten, seit 1086 urkundlich erwähnten Ort, dem höchstgelegenen Dorf der Umgebung. Linker Hand in Tés, das etwas größer als Bakonynána ist, steht das gepflegte Kriegerdenkmal. Mittelpunkt scheint die Kirche zu sein, die wir aber nicht besuchten. Wir parkten auf dem großen Dorfplatz, wurden vom rotpulloverigen Bürgermeister Wittmann, der mir ein Autogramm gab, und seiner Frau, herzlich empfangen.

 

Der Spazierweg führt durch eine interessante Seitenstraße: kleine Häuser mit umzäunten Blumengärten, vielen Hunden, die um die Wette bellen; älteren, kopfbetuchten Frauen, die plötzlich vor dem Haus unsere Gruppe betrachten und hier und da den Gruß erwidern; kleines Ponygespann auf der Berme; alter Trecker im Vordergarten, gleich hinter dem großen, pfleilspitzenartig bewehrten Tor. Dazwischen scharren lose Hühner erfolgreich im Boden. Gut 1 km ist der Weg, dann öffnet sich der weite Blick herrlich in das Land: sanfte waldhügelige, immergrüne Weite. Hier macht jeder Wandersmann Rast, obwohl das kleine Trafohäuschen keine Sitzbank bietet. Wir geniessen den Blick aus 400m Höhe in die tiefergelegene Ferne, jene aussehend wie zig-quadratkilometergroße heile Natur. Möge es so sein! Jeder Fotoapparat klickt, jede Videokamera fängt dieses ruhige Bild ein. Klar, daran will man sich später gerne erinnern. Natürlich im Vordergrund mit dem blau-weiß uniformierten Musikzug. Unterschrift: Natur pur, Hühner und Musik.

 

Bürgermeister Wittmann erklärte unterwegs, dass König Stefan I. im Jahr 1000 das ungarische Königreich gegründet hat. In dieser Gegend gehörte nur eine Kirche zu etwa 10 Dörfern. Die Kirchen wurden von Bauernmöchen, teils aus Deutschland kommend, unterhalten. Nach Niederlagen gegen Tataren und Osmanen verödete der Ort. Bis sächsische, bayerische, schwäbische und baden-württembergische Auswanderer hier neu siedelten und im 17. Jahrhundert diese Kirche bauten.

 

Auf den Feldern, hinter derTáncsis-Gasse stehen die Ozi'sche und die Held'sche Rundbau-Windmühle mit Schindeldach. Sie sind Denkmäler der transdanubischen Windmühlenindustrie.

Wir besichtigten eine davon, die mit ihren Segelrädern eine frühere Leistung von 4 Doppelzentnern bei zwei Mahlsteinen betrug. Hier arbeiteten immer je zwei Männer. Heute gab es hier einen klaren Kornbrand, bevor wir uns ins Besucherbuch eintrugen.

 

Zurück am stein-sandigen Dorfplatz beim Bus, wo ich Zeit habe, mal den rasanttreu fahrenden Busfahrer zu fotografieren, stürmen die Schweiburger den einzig sichtbaren Dorfladen, der mit seiner roten Werbe-Fassade, Tagesspitzenumsatz für Schlickerkram und Wasser macht.

 

Auf der anderen Seite, im dickummauerten Dorfhaus, dem die Bewohner in Sonntagskleidung und Trachten zuströmten, gab der Musikverein Schweiburg ein gut halbstündiges, vielbeklatschtes Konzert.  Im trachtenartigen Schwarz-weiß trat ein gemischter Chor (15 Frauen, 8 Männer) auf, deren jüngere Chorleiterin und zeitweise weitere 5 Musikanten den für unser Ohr noch fremdartig klingenden ungarischen Gesang auf der Zitther begleiteten oder als Soli darboten. Weitere Gesangsgruppen. Natürlich sangen alle auswendig, wir hörten Volkslieder in ungarischer und slawischer  Mundart. Ein weiterer gemischter Chor mit 16 Frauen und 4 Männern und Akkordeonbegleitung tratt auf, neben mir summte Elek die stimmungsvollen, teils schwermütigen Melodien mit. Ich schaute mir den für 200Personen geeigneten Saal an. Die Bühne ist mit dunkelrotem Stoff drappiert, durch die relativ kleinen Fenster fällt nur wenig Sonnenlicht auf die zartgelben Wände und das abgetretene Parkett. Die  einfachen Holzstühle mit schwarzem Kunststoffbezug vergißt man, wenn man im abgedunkelten Saal der Musik lauscht, die auch den alten Mütterchen (ganz in schwarz mit schwarz-grauen Kopftüchern) gefällt. Neben der Dame im sommerbunten Hosenanzug sitzt die Dorfbevölkerung, sonntagsfein. Der bejeanste Videokameramann unterbricht das Filmen beim Fotoblitzgewitter.  Bei den rhythmischen Szardas-Liedern flüstert Kati mir zu: typisch ungarische Volkslieder.

 

Ein spaßig-temperamentvolles Theaterstück wird von Kindern lebendig-witzig aufgeführt. Beim sich streitenden Ehepaar hat sie die Hosen an, jagd besenbewehrt ihren Pantoffelheldenmann, dem der Freund nicht helfen kann, zum lachenden Schluß ist ein Eimer Wasser dran ... Weitere kleinere und größere Gesangsgruppen, in denen auch der Bürgermeister Wittmann auftritt, folgen... Während der Musikverein später nach Bakonynána zurückfährt, fährt Elek mit Ehepaar Emmrich in seinem PKW zur gut 40 km entfernten Provinzhauptstadt Veszprém. Seine Frau Ilona empfängt uns herzlich, serviert ein herrlich-vornehmes Festessen (gefüllte Paprika, Reis, Nudeln, Goulasch, Krautsalat, sehr lecker zubereitet, dazu passende Getränke und ihren krönenden Spezialitäten-Obstsalat). Bei Wein und Sekt kommen wir nicht mehr ins angedachte klassische Konzert... Nach diesem sehr netten privaten Abend, einer Gästezimmernacht, einem Palinka als Aufwecker, bringt Elek uns am nächsten Morgen nach dem üppigen Frühstück und einer Stipvisite in der riesigen überdachten Markthalle mit hunderten kleiner Verkaufsständen, über Kartoffeldorf (riesige Kartoffelfelder und -Vermarktung) auf wildromatischen Schleichwegen zum sonnigen Bakonynána zurück.

 

 

Samstag, 06.10.2001

 

Um 10.00 Uhr beginnt die offizielle Einweihung der Begegnungsstätte. Das Haus wird als Kultur- und Veranstaltungsstätte, als Mittelpunkt genutzt. Es ist frisch renoviert, von außen beige-gelb verputzt. Der Innensaal hat Platz für gut einhundert Personen. Die dunkelbraune Holzbühne, die blauen großen Fenstervorhänge, die weißen Wände charakterisieren den Raum. Küche, Aufenthaltsraum, sanitäre Einrichtungen schließen sich an.

 

Nun aber beginnt die Feier der Einweihung in Anwesenheit von weit über 100 Gästen (an schön dekorierten Tischen mit Gebäck und Getränken), die teilweise am offenen Eingang und draußen stehen. Nach kurzer Begrüßung der Gäste durch Bürgermeister Miklós und Elisabeth Simon spielt der Musikverein Schweiburg in seiner bunten Vereinskleidung flotte und schmissige Rhythmen.  Es gibt herzlichen, verdienten Beifall.

 

Eine Kinder-Gesanggruppe tritt auf. Danach singen alle im Stehen die ungarische Nationalhymne. Es folgen deutsche Kinder-Tanzlieder, dann die Melodie "Es geht nichts über die Gemütlichkeit, heijo..." Ein schwarz-weiß gekleideter Mädchenchor singt drei zarte Lieder. Danach spielt eine Kindergruppe in kurzweilig-niedlicher Szenenfolge das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf. Ganz andere Welt: die dann folgende Tanzgruppe jugendlicher Mädchen zu englischsprachiger Popmusik. Volkstümlicher wird's wieder durch den Margaretenchor (9 Frauen, 3 Männer) aus dem Nachbarort. In leichter Textabwandlung und in niedlich klingendem süddeutschen Dialekt wurden die Volkslieder "Im schönsten Wiesengrunde" und "Horch, was kommt von draußen rein" vorgetragen, gefolgt von "Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus" , "Kein schöner Land in dieser Zeit" ... und einem wohlklingenden ungarischen Heimatlied.

 

Der Deutsche Nationalchor aus Györ (10 Frauen, 7 Männer, 1 Akkordeonspieler) singen drei lebensfrohe Lieder, sehr schön in süddeutschem Dialekt. Besonders gefällt an ihnen die Tracht: die Frauen in beigen Röcken, zartgrünen Blusen,  mittelgrünen Schnürwesten im Dirndl-Look, die Männer in beigefarbenen Hosen, zartgrünen Hemden und passender Weste mit Schlips. Die Stimmung steigt bei ihren Liedern: Jetzt trink mer noch e Flasche Wein ... (mit Juchzer), Fliege mit mir in die Heimat, fliege mit mir über s Meer, fliege mit mir in den Himmel hinein... , Im schönen Bayernwald (Melodie: ... Böhmerwald) und Weiße Rosen aus Athen... .

 

Zum Kochen kommt die Bombenstimmung im übervoll besetzten Saal als das Akkordeonorchester Harmonie auftritt.

Dass Ungarn temperamentvoll sind, wissen wir und freut uns. Beim "Schneewalzer" hakele ich meine Nachbarinnen ein, wir schunkeln, die andern folgen nach. Die Band spielt Polka, die Frauen beginnen zu tanzen, ich tanze mit fünf Frauen eine Kreispolka mit; eine Geste, die gut ankommt. Dann tanzt Dieter Büsing mit Elisabeth, während die Akkordeongruppe mit rheinischen Wein- und Schunkelliedern und abschließendem "Trink, trink, Brüderlein, trink!" die Menschen von der Festlichkeit zu ausgelassener Fröhlichkeit animiert. Bei "In München steht ein Hofbräuhaus..". wird Stakkato geklatscht, besser geht's nicht mehr, will man gute Laune verbreiten.

 

In ruhigere Fahrwasser brachte uns der nachfolgende Mini-Singchor aus einem Nachbardorf. "Lustig ist das Zigeunerleben..." sangen uns zwei Frauen, ein Mann, begleitet von einem Mundharmonikaspieler, die sich gemeinsam zu süddeutschen Jodelliedern steigerten. Ein ungarisches Volkslied nach der Melodie des deutschen Weihnachtsliedes "Oh Tannenbaum" ... ließ mich, innerlich lachend, an die Völkerverbundenheit durch die Musik denken.

Ein Kuk kuk -Ruflied lockte geistig in den Wald. Ein bekanntes russisches Volkslied mit eigenem ungarischen Text bildete den Abschluss ihres Auftrittes.

 

Nun folgte unter tosendem Beifall der wieder auferblühte Frauenchor Bakonynána, 11 Frauen, die wir aus dem Dorfbild her schon kannten, unter ihnen Elisabeth, trugen weiße Spitzenblusen, lange dunkelrote oder schwarze Röcke mit gegürteter schwarzer Schürze. Sie sangen: "Du schönes Ungarnland..." , Du bist mir wohlgeboren, du guter Edelstein... und auch "Muss i denn zum Städele hinaus..." . Es folgten zwei mir unbekannte Volkslieder in süddeutscher Mundart und ein ungarisch getextetes Heimatlied auf Bakonynana gemünzt: tosender Beifall!

 

Den offiziellen Abschluß bildeten die Ansprache von mir, der ich Bakonynána die besten Grüße aus Jade (mit privaten Musik-CD's) überbrachte und die Ansprache von Ferenc Albert, dem Leiter der deutschen Minderheitengruppen im Komitat (Verwaltungsbezirk) Veszprém. Er überreichte Elisabeth Simon einen Wandteller mit dem Wappen der Ungarndeutschen, der seinen Platz neben dem vom Musikverein Schweiburg fand, den dieser am ersten Abend beim Ankommen überreicht hatte. Dieses Einweihungsfest werden die Bakonynaner Dorfbewohner und wir Besucher so schnell nicht vergessen.

 

Small Talks mit einer großen Zahl Menschen folgte, darunter Bürgermeister Miklós, Gemeindedirektor Áttila, Schulleiter István und Musiklehrer Freund Elek. Sie zogen mit meiner Frau und mir hinter der großen Gruppe zum anschließenden  Mittagessen ins Ecklokal. Dort gab es zu essen: Pallatschinken auf dreifache Weise, gefüllt mit Konfitüre, Krautsalat oder herzhafter Creme. Mit Dr. Wendelin Ferenc Albert, im privaten Beruf Tierarzt, führte ich angenehm-fröhliches Tischgespräch, erfuhr interessante Details über die Situation der deutschen Minderheit, erfuhr aber auch, wie und was er gerne selber kocht, besonders Pallatschinken, der schon mal beim Hochwerfen eben nicht wieder in der Pfanne landete ... und nach herzhaftem Gelächter mit mir die Visitenkarte tauschte...

 

In unserem Appartement konnten wir uns kurz ruhen, frischmachen und standen dann vor des Bürgermeisters Haus Korona Mulato, dessen Erdgeschoss er für eine große Gaststätte verpachtet hat, draußen bei gut 27 Grad im Sonnenschein, nutzten die Zeit bis 16.00 Uhr für nette kleine Gespräche mit der anwesenden Bevölkerung bzw. mit von Kati gedolmetschtem Gespräch mit der charmanten Bürgermeistersfrau Zita, die ihren kleinsten Sohn Tomi auf dem Arm trug. Viele Bürger können Deutsch verstehen, trauen sich nur nicht, es zu sprechen.

 

Heute ist Weinfest im Dorf und abends Tanz in Korona Mulato. Man hört ab Dorfeingang das Spielen des Musikvereins Schweiburg, der einen rund 4 km langen Weg durch die Gemeinde gemacht hat. Vorweg kommen zwei Reiter zu Pferde,  der Musikzug wird gefolgt von blumengeschmückten Wagen, kleintreckergezogen. Jugendliche, als Kleinrichter und Brautpaar verkleidet, spielen eine alte Geschichte. Der Kleinrichter, in der Funktion fast wie ein spätmittelalterlicher Ausrufer, erzählt laut verlesend vom Weintrinken, von seligtrunkener Hochzeit, bis zu der Zeit, da der Mann zuviel des guten Rebensaftes genießt... Eine nette Story um Liebe und Ehekrach, die jedes Jahr um diese Zeit im Rahmen des kleinen Festzuges gespielt wird.

 

Ehepaar Emmrich sitzen privat auf der straßenseitigen Veranda bei Elisabeth, deren nette Familie mit Ehemann Ferenc (Franz), Tochter Ágnes und deren Freund Jimmi, wir beim Glas Wein kennenlernten. Ferenc arbeitet in der gleichen Firma wie Elisabeth. Jimmi ist Kunstmaler, verdient sein Geld aber als Gabelstaplerfahrer...). Dann ziehen wir alle mit dem Zug Richtung Begegnungsstätte, wo es reichlich Kaffee und selbstgebackenen Kuchen gibt. Meine Polka-Tänzerinnen versorgen mich rührend damit. Vielen Dank! Anschließend verbringen Kati und wir (Ehepaar Emmrich) in privater Plauderstunde bei Simons eine nette Zeit, besichtigen deren großen Blumen-, Obst- und Gemüsegarten mit den Apfelbäumen und unterschiedlichen Paprikabüschen, sprechen den zwei Ferkeln im Stall freundlich zu und sehen Hund und Katze rumflitzen, bevor uns das Haus gezeigt und die Weinflasche geöffnet wird... Solche privaten Momente zeigen uns das Leben, die Sorgen und Freuden dieser Menschen in einer Art, die wir als Tourist nie zu sehen und zu verstehen bekämen. Wir sind gegenseitig dankbar dafür, nicht nur wegen der kleinen persönlichen Freundschaftsgeschenke, die Fotos und die Chronik über deren Besuch bei uns in Jade (06.-16. August 2001), die ich überreiche.

 

Aus der Gaststätte im Hause  Korona Mulato dringt uns Fußgängern Lärm entgegen. Im letzten der drei großen Räume, der in Länge, Breite und Höhe vollständig mit grau-weißen Fliesen ausgelegt ist, spielt eine Zwei-Mann-Band auf, die im Laufe des Abends immer besser, aber leider zu laut spielt. Einheimische und Schweiburger Kinder toben auf der fliesernen Tanzfläche. Zunächst gibt es ein gemeinschaftliches warmes Abendessen: Saure Suppe mit kleinen Mehlklößchen und Fettaugen (Ferenc erklärt uns über Dolmetscher Andreas, dass ein Mädchen früher erst heiraten durfte, wenn sie diese Suppe kochen konnte). Man nippt nochmal am roten Wein, bevor der Tellergericht-Hauptgang kommt: Reiskugeln mit Erbsen und Möhren, Schweineschnitzel, geschärfte Leberstückchen, kleiner Hühnerkeule und etwas Pilzsauce. Wir sitzen mit Simons, Kati und Andreas am Tisch, schlendern später durch die Räume, hier und dort ein Schwätzchen haltend. Ab und zu gelingt es uns, zu der Discomusik mit Elisabeth, Kornélia, Bürgermeisters und anderen zu tanzen, zu Musikstücken, bei denen internationale Popmelodien mit ungarischen Texten unterlegt sind und bis gegen 4 Uhr, als wir längst oben zu schlafen versuchen, lautstark und etwas fremd klingend, von allen verbliebenen Gästen ungarisch-rhythmisch stampfend mitgesungen werden. Ein uns bisher unbekannter weiterer Joszéf (Joszéf Pidl) kommt an den Tisch, entwickelt sich zum charmanten Plauderer mit Detailkenntnissen aus dem Karlsruher Badener Land. Andere Leute, die uns kennen, winken. Wir sitzen beim Schulleiter István, seiner Gattin und ihrem Sohn am Tisch und plaudern freundlich und herzlich ... Die Weinflasche wird leer, wir hüpfen zwei Etagen rauf in unser Wohngemach.

 

 

 

Sonntag, 07.10.2001

 

Duschfrisch sitzen wir am Frühstückstisch, den Zita uns nett und üppig bereitet hat. Es ist einfach alles da, was das leibliche Wohl nährt. Weißbrot, Butter, Margarine, Honig, zwei Sorten Marmelade, Schinken, Salami, Paprika, Milch, Kaffee, Tee, Obst...

 

Und dann lernte ich eine kleine Kuriosität im Sprachverständnis kennen, die ich niederschreiben möchte: Wir wurden gefragt, ob wir gerne Rührei mögen (das trifft genauso auf Fragen zu Wein oder anderes zu). Ja sagten wir und meinten das ganz allgemein, dass wir grundsätzlich gerne Rührei essen. Während Zita sich nicht mehr davon abbringen ließ, uns in ihrer herzlichen  Gastfreundschaft zusätzlich sofort eine große Pfanne heißes Rührei mit Speck zu bereiten. Ich lernte: wenn Du sagst, du magst dieses oder jenes, wird es so verstanden, als möchtest du es sofort haben. Du musst einen Kompromiss finden zwischen der Höflichkeit als Gast und dem Bauchweh vonwegen Völlerei; also merke lieber Leser, ich habe Dich gewarnt.

 

Die für heute 09.00 Uhr geplante Busfahrt zur Bibliothek nach Zirc fällt aus, damit sich unsere Leute, die doch lange gezecht haben, einigermaßen ausschlafen können.

 

Stattdessen fährt uns der Bus um 10.00 Uhr in den Nachbarort Dudar, wo Kati und ihre Eltern wohnen. Zunächst an die Stelle, wo als Freilichtmuseum eine große Fördermaschine und diverse Gerätschaften aus der Braunkohlen-Bergbauzeit ausgestellt sind. Niemand kann dies alles so gut erklären, wie Joszéf, der hier den größten Teil seines Lebens vom kleinen Bergmann bis in Führungspositionen  gearbeitet hat. Er erzählt, dass die Braunkohle aus Dudar weltberühmt war. Sie wurde hier als Grundstoff für Kosmetik geflößt und enthielt konstant 3200 - 4500 cal. Es gibt nur noch einen Ort auf der Welt, in Dakota, USA, der ähnlich gute Braunkohle fördert. Joszéf hat hier von 1946 bis 1994 gearbeitet, in 232 bis 350 m Tiefe, mit bis zu 6 Umsteigestationen, bis man unten am Arbeitsplatz war. 500 km Gänge sind hier unter Tage. Es hat Einstürze und teilweise Dorfabsenkungen gegeben. Er erzählt Dramatisches und Schönes. 1961 gab es hier einen Wassereinbruch von unterirdischen Bächen. Man konnte die Region nur durch Überfluten anderer Stellen retten. Er und ca 6.000 weitere Menschen, aus bis zu 50 km Umkreis per Bus kommend, hatten hier ihre Arbeitsstelle. Hier unmittelbar am Ort waren bis zu 2.000 Menschen beschäftigt. Zu der Zeit blühte auch Bakonynána mit seinen zahlreichen Geschäften ... Nach der Wendung (gemeint ist Wende) war dies aus nicht mehr wirtschaftlichen Gründen alles vorbei. Heute kommt das Trinkwasser von hier aus bis zu 300 m Tiefe ...

 

Seit drei Jahren arbeitet in der Nähe ein Bauxit-Werk. Bauxit ist Grundstoff für die Alu-Produktion und auf dem Weltmarkt begehrt. -

 

Der 1. September wird hier, in der Nähe des Denkmals, als Bergmannstag ehrend begangen.

 

Oben am Dorfrand, auf einer großen Wiesenfläche ist alles für ein Kinderfest aufgebaut. Am Ende von zwei Rummel-Budenreihen steht ein Kettenkarussel. Ehe wir uns versehen, sitzen wir drin, entschweben in die Lüfte, herrlich ist s nach vielen Jahren mal wieder so zu fliegen. Der Karusselmann muss es gespürt haben, denn er lässt uns lange rotieren. Joszéf erzählt mir anschliessend, wir sitzen dabei auf den Holzstufen des Karussels,  Geschichten aus seinem Leben, politische, private. Ich lausche diesem netten, charmanten, feinen Herrn. Er erzählt kleine ungarische Geheimnisse ... während die Jugendlichen des Musikvereins ihr Taschengeld unters Volk bringen und schon vor der offiziellen Öffnung des Budenmarktes für den besten Tagesumsatz sorgten.

 

Kati, Elisabeth, Ehepaare Büsing und Emmrich wandern vorbei an teils ganz neuen, sehr schönen Häusern Dudars, Richtung Dorfmitte, wo wir in der Straße linkerhand auf der rechten Seite Kati's Mutter vor ihrem Haus antreffen und begrüßen.

 

Ein Stückchen weiter, im Restaurant, hat Kati einen Tisch für uns bestellt, bleibt aber selbst bei ihren Eltern. Wir werden in den Extraraum geführt, dessen Tisch für uns festlich gedeckt ist.  Elek und Ilona aus Veszprém kommen mit großem Hallo dazu. Es gib eine köstliche Tasse Nudelsuppe, gefolgt von buntem Salatteller, sehr gutem Zigeunerschnitzel mit Kartoffen, Paprika, Tomaten, mehreren Körben des zu jedem Essen gereichten dickscheibigen Weißbrotes, dazu Getränke nach Wahl, ungarisches Bier, ungarischer Wein oder Wasser, abschließend von einem großen Sahneeisbecher gekrönt. Mit dem PKW von Elisabeth geht's zurück nach Bakonynana.

 

Elisabeth, Kornélia und Andreas begleiten uns per Bus auf der Fahrt nach Mór, dem bekannten, etwa 32 km entfernten Weinort. Dort ist vom 5.-7.10.2001 ein großes Weinfest und heute Nachmittag findet der große Festumzug mit an die hundert geschmückten Wagen und Fußgruppen statt. Miklos hat es aufgrund besonderer Beziehungen (er ist gelernter Weinkaufmann, heute aber auch Fiananzkaufmann und eben hauptberuflicher Bürgermeister) geschafft, den Schweiburgern einen Platz im Umzug zu ermöglichen.

 

Mór ist etwa 30.000 Einwohner groß. Die lebhafte Stadt liegt an der Strecke zwischen Stuhlweißenburg und Raab in einer lieblichen teils buchenwaldigen Landschaft, in einer der historischen ungarischen Weingegenden mit der bekannten Traubensorte "Moorer Tausendgut" und einer Weintradition bis zurück in die Römerzeit. Im 18. Jahrhundert wurden unter Maria Theresia Schlösser und herrschaftliche Stadthäuser gebaut, die heute noch das Stadtbild prägen. Auf einem großen Parkplatz, 5 Fußminuten vom Zentrum, parkt der Bus.

 

Auf dem breiten Bürgersteig vor dem großen Museum, auf dessen Balkon Prominenz zuschaut, spielt der Musikverein sich warm. Immer mehr Menschen strömen zusammen. Hier durch diese breite Straße wird der Festumzug geleitet. Wir haben kurz vor der großen Kreuzung einen idealen Stehplatz zwischen tausenden von wartenden Zuschauern. Aber es dauert. Die Sonne am strahlendblauen Himmel vergoldet das Kreuz auf der malerischen Kirche und die gegenüberliegende Parklandschaft. Endlich ist es so weit.  Farbenfrohe Gruppen tanzen ungarische und benachbarte Volklore, Musikzüge spielen, darunter der von uns vielbeklatschte Schweiburger Musikverein. Fußgruppen laufen hinter ihrem jeweiligen geschmückten Vereinswagen, dessen Beschilderung überwiegend in ungarisch und in deutsch ist. Eine Unmenge Zuschauer guckt durch ihre Fotoapparate. Wir können alles gut sehen. Die Tanzgruppen und die besonders schön geschmückten Wagen werden tausenhändig staunend und erfreut beklatscht. Nach zwei Stunden abwechslungsreichen, vollen Schauprogrammes und stehmüsen Füßen, schlendern wir durch den Park auf den zentralen Weinfestplatz mit seinen vielen Ausschank-Buden und weiter zum Kettenschloss , einem Kastell, über dessen Eingang ein großes Transparent mit dem Aufdruck "Herzlich Willkommen!" prangt.

 

Bunte Verkaufsbuden mit Geschenkartikeln aus Glas, Holz, Töpferware sind zu sehen, auf der Steinumfassung des Mittelteiches läßt es sich trefflich ausruhen und der Instrumentengruppe lauschen. Deren Spieler aus dem südungarischen Grenzland zu Rumänien treten in Balkan-Fantasiekleidung mit viel besticktem Batist auf, musizieren mit Saxofon, Stehgeige, und einer alten Kurbelzitther ihre für uns ungewohnten Klänge. Im Kastell selbst ist eine Gemäldeausstellung, besuchter sind aber die WC-Anlagen. - Wir bummeln, vorbei an Kaufbuden, zum Weinmarkt zurück, probieren zwei Gläschen und schieben uns dann durch die Besuchermenge bis hin zum Busparkplatz.

 

Gegen 18.30 Uhr geht s Richtung Bakonynána zurück, mit Zwischenstation Bakonysernye. Im Restaurant Fekete Berek mit seinem gehobenen Interieur in den Nationalfarben grün-weiß-rot (zum Beispiel sind Decke, Wände, Fenstervorhänge, Tischdecken, Servietten und Kerzen in unterschiedlicher Kombination darauf abgestimmt) dürfen wir zu Abend essen. Vorab gibt es einen Krautsalatteller, dessen scharfe Paprikaschoten von unserem Tisch bei mir landen. Danach werden als Tellergericht serviert: Nudeln mit Goulasch und einem Getränk nach Wahl. Anschließend noch eine halbe Stunde Busfahrt bis Bakonynána, wo wir servicegerecht vor dem Bürgermeisterhaus Korona Mulato   aussteigen können, während der Musikverein zur Schule gefahren wird, um dort für Morgen die Instrumente zu deponieren. Müde, aber zufrieden, verbringen wir den späten Abend in den Privatquartieren, wir gönnen uns eine Flasche Wein ...

 

 

 

Montag, 08.10.2001

 

Krrrr! Um 06.30 Uhr rappelt der Wecker! Ei, wie unschön, muss aber sein. Duschen, Haare waschen und was so dazugehört, um startklar zu werden. Zita verwöhnt uns mit einem Super-Frühstück, wozu wir sie zum Mitessen bewegen können. Zu späterer Uhrzeit  hat sie es an den nächsten Tagen nicht mehr mitgegessen, weil dann in der Zeit ihre Kinder versorgt werden mussten. Sie hat uns verwöhnt mit gebackenen Würstchen und einem Frühstück, von dem sechs Leute hätten satt werden können. Dann fuhr Zita uns zur Schule, wo um 09.00 Uhr Treffen und Besuch der Schule angesagt war. Und da muss man ja pünktlich sein, will man den Kindern ein Vorbild geben.

 

Direktor Forsthoffer István begrüßt uns mit seinem Lehrerinnen-Kollegium und Horniák Elek als Musiklehrer auf dem Schulhof, in Anwesenheit aller Kinder, sehr herzlich. Auch hier werden kleine Geschenke überreicht. An den Schuleingangstüren steht in bunter PC-Schrift überall MOIN, MOIN, eine sehr nette Geste. Wir sitzen im großen Halbkreis auf den Holzbänken unter dem schattenspendenden, großen Nussbaumdach und lauschen, während der Musikverein sich gegenüber unter dem Basketballtor aufgebaut hat. Es gibt ein fröhliches Morgenkonzert, enorm viel Beifall, alle Spielmannsleute erhalten eine gelbe Rose, von Schülern und Schülerinnen überreicht. Dieses prächtige Bild wird bestimmt in jeder Fotoserie enthalten sein. Das ganze geschieht an einem Tag, wo die USA Kabul bombardieren. Kinderstimmen mit deutschen Kinder- und Volksliedern halten dagegen. Meine abgeschweiften Gedanken werden zurückgeholt durch Blockflöten-Solo, Klaviersolo, den Kinder-Schulchor mit Gitarrenbegleitung seitens einer Lehrerin.

 

Wir machen bei den Schulaktivitäten in den Klassenräumen und auf dem Schulhof mit. Alle Besucher haben drinnen im Lehrerzimmer von dem selbstgebackenen Kuchen gegessen, einige haben mit den Klassen gebastelt, ich habe draussen in der Turnstunde bei den Singspielen mitgemacht, freundliche Lehrerinnen an der Hand. Es hat allen viel Spaß gemacht. Die Zeit verflog rasend und kurzweilig. Danke und indirekt herzliche Grüße an das Lehrerkollegium und die Kinder von hier aus!

 

Zum Mittagessen waren wir wieder eingeladen ins Ecklokal Seher Solgam Presszo. Es gab kleine Gries- oder Quarkklöße mit Quarksoße, zimt-zuckerig paniert. Hinterher wurde Eis am Stil spendiert.

 

Gemütlich zog dann der Troß den romantischen Spazierweg zu Fuß Richtung Römerbad und Wasserfall. Der herrliche Wanderweg führte vorbei an den letzten Häusern, wo noch eine Polka-Freundin winkte. Dann wurde der Weg schmaler, stieg leicht bergan,  führte etwa drei km durch herbstlichen wild-romantischen Buchenwald, entlang der Schlucht des Gaja-Baches. Dort wo die Hänge steil und felsig werden, verengt sich die Schlucht, man kommt zum Wasserfall. Hier stürzt und springt sonst das trinkklare Wasser  des jetzt sommertrockeneren Baches über die Klippen und glattgeschliffenen Bachbettsteine als wilder Wasserfall in die Tiefe der Waldschlucht. Nach kurzer Pause und einem weiteren Kilometer kommen wir zu einem großen lichten Waldplatz. Dort dampft und brodelt auf einer einfachen Holzstangenvorrichtung der Gulaschsuppenkessel über einer Erdfeuerstelle! Romantischer geht's nicht. Die Kinder spielen Ball und Seilhüpfen; es wird geklettert, durchs Gebüsch geschlichen. Tauziehwettbewerbe Jungens gegen Mädchen, Deutschland gegen Ungarn, das gelungene Basteln der Männer von zwei gangbaren Minimühlen in Steinmulden des Baches, das erste getrunkene Bier, all das  macht enorm hungrig! Zwei Schulklassen, mehrere Lehrer, die ganze Besuchsgruppe und alle Begleiter machen sich, auf  massiven Holzbänken an Tischen oder einfach auf dem Boden sitzend, über die leckere Suppe her, Unmengen von Weißbrot nebenbei vertilgend. Es wird erzählt, man ist ungezwungen und vertreibt das mit Sicherheit hier sonst reich vorkommende Hirschwild, in der Nähe des beliebten Jagdrevieres am Randes des Bakonywaldes.

 

Áttila fuhr mit mir zurück nach Bakonynána, um die Gemeinschaftsveranstaltung am Abend technisch vorzubereiten. Bald darauf kamen die anderen nach Bakonynána zurück.

 

Eltern und Kinder, Laternen in der Hand, säumten die Straße.

Bei beginnender Dämmerung spielte der Musikverein auf, die Kinder scharten sich mit ihren angezündeten Laternen dahinter. Es war das erstemal, dass in Bakonynana ein Bummellaternenumzug stattfand. Leuchtende Kinderaugen und fröhliche Eltern sah der Betrachter. Der Laternenumzug ging ein Stück die Straße entlang und zurück zur Begegnungsstätte.

 

Zur Halbzeit unseres Besuches war ein Gemeinschaftsabend in der Begegnungsstätte angesagt. Hier war der Raum wie mit Kinostuhlreihen gestellt. Auf dem Mitteltisch standen Getränke und Gebäck. Der Saal wurde gedrängt voll. Ich überreichte symbolisch eine Deutschlandkarte und kleine persönliche Geschenke (z. B. 50 Ansteckrosen für die Helferinnen u.a.), ließ ca 50 der mitgebrachten neuen und sehr guten Imageprospekte der Wesermarsch verteilen, verwies auf den Gemeindeboten der evangelischen Kirchengemeinde (der zukünftig regelmäßig dorthin geschickt wird), erläuterte anhand von ca 70 Dias (von der Kreisbildstelle) die Wesermarsch. Der anschließende Videofilm Urlaub und Freizeit in der Wesermarsch kam sehr gut an und ist wirklich empfehlenswert. Dieser Film wurde tagsdrauf kopiert, um ihn zu passender Gelegenheit noch weiteren Bevölkerungskreisen zeigen zu können. Den offiziellen Videofilm Wirtschaftsstandort Wesermarsch habe ich als Gabe von der Wesermarsch überreicht.

 

Es schloss sich eine Frage- und Antwortstunde an, in der Informationen von hüben und drüben ausgetauscht wurden.

Der Musikverein lud zum Gegenbesuch nach Schweiburg ein.

Meine Frage nach der Bereitschaft Bakonynána s die Partnerschaft aufzubauen, wurde von den offiziellen Ortsvertretern in ihren Antworten persönlich sehr positiv und von der Bevölkerung  mit viel Beifall beantwortet. Der Weg der kleinen Schritte, der persönlichen Begegnungen, der Vereinstreffen ist der richtige Weg.

 

Die Adressen unserer Vereine sind in Bakonynána bekannt, denn Elisabeth, Kati und Elek hatten bei ihrem Besuch im August 2001 in Jade, die Bürgerbroschüre von Jade mitbekommen und zu Hause verteilt.

 

Es gibt dort eine kleine Feierabend-Feuerwehr, die Kontakt und Informationsmöglichkeiten sucht.

 

In Ungarn gibt es zwar das Rote Kreuz, aber nicht bis auf Dorfebene so durchorganisiert wie in Deutschland. Hier besteht Interesse, eine Ortsgruppe in Bakonynána aufzubauen.

 

Für sportlich-fußballerische Begegnung kann jederzeit eine Mannschaft aufgestellt werden (eine Liste ist in den Unterlagen enthalten, die ich der Gemeinde zur Verfügung stellte).

 

Mit Elisabeth vereinbarte ich die Bereitschaft, im Herbst 2002 ein Chorfestival in Bakonynána zu veranstalten, an dem der Gemischte Chor Jaderberg teilnehmen kann. Ein Gegenbesuch wäre für das Jahr darauf nach Jade denkbar, wenn der Jaderberger Chor sein 10-jähriges Bestehen feiert.

 

Ich machte den Vorschlag, folgende Idee zu überlegen: junge Menschen aus Bakonynána kommen in den Schulferien zu uns nach Jade, machen kleine berufliche Praktika, um davon in ihrer Heimat zu profitieren. Dies geht nur vorausgesetzt, dass auf Jader Seite landwirtschaftliche, handwerkliche und kaufmännische Betriebe dazu bereit sind. Hier könnte seitens der Gemeinde Jade - sofern dieser Gedanke akzeptiert wird - ein Anschreiben an infragekommende Betriebe Aufschluss geben. 

 

Ich fragte den Schweiburger Musikverein, ob sie bereit wären, in ihren Betrieben mal nachzufragen, ob dies grundsätzlich möglich sei. Mein Vorschlag wurde vom Musikverein Schweiburg missverstanden. Man sei hier in Urlaub und zum Musikmachen da. Nicht zu solchen Gesprächen. Es sei ihre private Reise.

 

Ich sprach Anregungen an, wie die Bestückung einer Kinderbücherei. Hier wären deutsch- bzw.  unngarischsprachige Bücher sinnvoll.

 

Ferner: Sammlung von Mountain-Bikes bereitstellen. Für eigene Nutzung der Bewohner von Bakonynána oder z.B. für die Ausleihe an Touristen; inclusive eine kleine Reparaturwerkstatt. Bei Besuchen könnten z. B. Fahrradralleys arrangiert werden. Die vor-Ort-Bedingungen fordern geradezu zu fahrradsportlichen Aktivitäten heraus.

 

Wandern (nicht nur Spazierengehen) ist in näherer und weiterer Umgebung sehr gut möglich. Reitsport ist möglich. Reitschule, Pferdehof im Nachbarort Dudar.

 

Möglichkeiten zum Wintersport (Langlauf ist sicher möglich, Abfahrtslauf an vorgesehener Stelle, muss noch nachgefragt werden) sind vermutlich in dieser ca. 400 m hohen Mittelgebirgslandschaft mit winterlicher, kontinental-klimatisch bedingter Schneesicherheit gegeben.

 

Andere Sportarten können in der näheren Umgebung durchgeführt werden. Dies wird auf ungarischer Seite gerne organisiert (z.B. Schwimmbad in Veszprém).

 

Vorschläge für Maßnahmen sollten ideenreich aus allen Gruppierungen heraus zusammengetragen und koordiniert vorab besprochen werden. Z. B. über typische Landfrauenthemen; dort nicht nur, aber auch Backen, Kochen usw.

 

Dieser informative Abend hat die Bevölkerung mit eingebunden und zum Gegenseitigen Verstehen wesentlich beigetragen.

 

 

 

Dienstag, 09.10.2001

 

Bereits um 07.00 Uhr saßen wir an Zitas üppigem Frühstückstisch. So gut gestärkt, konnte das Tagesprogamm beginnen. Pünktlichkeit war angesagt, denn für 08.00 Uhr hieß die Devise für gut 40 Leute unter der Reiseleitung von Kati: Auf zur Fahrt nach Budapest!

 

Gut zwei Stunden fuhren wir durch sanftwelliges Hügelland, durch kleine Dörfer, ähnlich Bakonynana. Aus den Momentaufnahmen erinnere ich mich an - für unsere Verhältnisse - wenig befahrene Straßen, manch schöne Kirche, ein sehr großes und bedeutendes Kloster auf dem Berge, noch in Sichtweite. Vorbei ging es an kleinen Gärten, großen Äckern, unberührten Wiesenlandschaften, Wäldern und gelegentlichen Weinfeldern. Kurz vor Budapest, an der mehrspurigen Strecke in die 2-Millionen-Hauptstadt, hatten wir längeren Aufenthalt an einer Raststätte, es mußte Geld gewechselt werden und - "Kaffee raus"  war vonnöten.

 

Kati erzählte einiges Wissenswertes über Budapest, der Stadt, in der 1/5 der gesamten ungarischen Bevölkerung lebt, der Stadt, die nicht nur Regierungssitz, sondern auch wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt des Landes ist. Budapest hat Weltstadtcharakter mit westlichem Niveau. Die vielgepriesene Lage an der Donau, die das Land von Nord nach Süd durchfließt, die herrlichen Bauten, die Kulturgeschichte der Stadt prägen auch das moderne Bild der Metropole.

 

Rein geht s ins Verkehrsgewühle. Durch einen Straßentunnel  öffnet sich der Blick auf die Donau mit der berühmten Kettenbrücke. Der Verkehr erlaubt es nicht, anzuhalten , länger zu schauen. Wir bleiben auf der Buda-Seite, fahren die Straße links hoch, vorbei am Hotel Carlton, vorbei an Banken bis hinauf zur Fischerbastei, unterhalb derer wir parken und die letzten Schritte zu Fuß gehen. Die Fischerbastei, die St. Matthiaskirche, der Blick auf die Donau, auf den Stadtteil Pest mit dem großen, am Flußufer gelegenen, filigran anmutenden Parlamentsgebäude, wurde schon in vielen Bildbänden beschrieben. Ich kann nur einen Ausdruck sagen: unbeschreiblich schön, trotz des verschleiernden Morgendunstes.

 

Wir besichtigen das Innere der gotischen Krönungskirche. Der Sakralbau, in beruhigendem Halbdunkel als Gegensatz zum gleißenden Tageslicht gehalten, erinnert an die großen europäischen Kathedralen. Ob Besichtigung oder gläubiges Innehalten, hunderte Menschen sind im Kirchenraum mit seinen baulichen und künstlerischen Schätzen, die zumindest auf Postkarten für jedermann zugänglich sind. Das Innere der Kirche (zu moslemischer Zeit Moschee) ist in gemaltem mittel-rot-braunen Ornamenten auf beigefarbenem Grund gehalten; alte, geschichtsträchtige Fahnen hängen an den Säulen, in den Nischen sind Ältäre, Grabmale; dunkel schwarz-braun ist das alte, abgetretene Chorgestühl. Auf den Fliesen-Blumen-Mosaikboden vor dem dreischiffigen Hauptaltar fallen einige Sonnenstrahlen. Rechtsseits hohe farbige Glasornamentfenster mit Szenen aus christlicher Mythologie; linksseits die lange Gewölbeempore. Hier in und bei der Kirche wurde Geschichte gemacht, hier wurde die österreichische Kaiserin Elisabeth zur Königin von Ungarn gekrönt; und die Geschichte der Sissi gefilmt. Das große Reiterstandbild draußen versinnbildlicht alte Macht und Herrlichkeit.

 

Die Bergbewehrung Fischerbastei ist eine lange helle Burgmauer, mit vielen fotogenen Türmchen, Bogenfenstern und herrlichen Ausblicken auf die Stadt- und Flußlandschaft. Restaurants, Hotels und Souvenierstände dürfen da nicht fehlen.

 

Wir bummeln die Anlage der Fischerbastei entlang, machen, wie täglich tausende Menschen, die fast gleichen und doch einmaligen Fotos von dieser, zur 1.000-Jahr-Feier (in 2000) der Gründung des Königsreiches Ungarn durch Stefan I., wieder hergerichteten Hauptsehenswürdigkeit. Von der Burg blicken wir auf die Donauinsel, bestaunen die kunstvollen Brücken, sehen die prachtvollen Bauwerke. Wir gehen den Burgberg hinunter, langsam vorbei an der größten Bibliothek Ungarns, vorbei an der Nationalgalerie, in der heute u. a. die ganz großen Festbälle des Landes stattfinden. Es wird mit 29 Grad der wärmste Tag unseres Besuches.

 

Wieder beim Bus angekommen, fahren wir über die Kettenbrücke auf die Pester Seite, queren Alleen- und Geschäftsstraßen, vorbei an Botschaften und langsam am Heldenplatz mit seinem imposanten Ehrenmal und den umrandenden halbrunden Museumsbauten. In einer Nebenstraße finden wir das vorbestellte hübsche Restaurant. Hier gibt es heiße Nudelsuppe vor dem Tellergericht mit Reis und Putengeschnetzeltem. Der Schaubummel beginnt mit einer stündigen Wartezeit vor einem Musikalienladen. Dann ist aber noch etwas Zeit, das riesige überdachte Einkaufszentrum zu besichtigen. Es ist ein Einkaufszentrum von Größe und gehobener Ausstattung wie es bei uns nur in Hamburg oder Berlin anzutreffen ist. 

 

17.30 Uhr ist Treffen für die Rückfahrt. Die verzögert sich, da einige sich noch Paprikastränge kaufen und wie hawaiianischen Hula-Schmuck um den Hals legen. Wir fahren ab mit dem Gedanken, Budapest kann man nicht in wenigen Stunden sehen. Man kann nur einen Eindruck gewinnen, der stark genug motiviert, wieder zu kommen.

 

Nach 2 ½ stündiger Busfahrt wieder gut vor der Dunkelheit nach Bakonynana zurückgekehrt, gibt es gemeinsames Abendbrot im Restaurant  Korona Mulato : kaltes Salatbuffet mit Hähnchenschenkeln, Schinkenröllchen, Tomaten, Paprika, frischem Brot und Bier. Den Abend haben wir zur freien Verfügung. Die meisten gehen in ihre Privatquartiere, einige bleiben noch zum Biertrinken, wir gehen in unsere Kemmenate, um Postkarten zu schreiben ... Der schöne Tag geht zu Ende.

 

 

 

Mittwoch, 10.11.2001

                                                                                                         

Auch heute heißt es, um 07.00 Uhr am Frühstückstisch sitzen. Zita meint, weil wir den ganzen Tag unterwegs sein werden, müssen wir neben dem üppigen Frühstück noch eine große Portion Rührei mit Schinken verputzen. Danke Zita!

 

Um 08.00 Uhr steigen wir in den uns täglich verfügbaren Privat -Bus, Ziel: Plattensee - Balaton! Bereits nach einer Fahrtstunde kommen wir in Tihany, einem bekannten und sehr schönen Ort, direkt am See, an.

 

Wir bummeln auf der jetzt - im Gegensatz zu den Sommermonaten - fast menschenleeren Uferpromenade, lassen eine Touristen-Fähre abfahren, geniessen den Anblick des flachen Steppensees, dessen andere Ufer man nicht sehen kann.

 

Elisabeth bugsiert uns in die kleine gummibereifte Bimmelbahn, die Touristen wie uns zum Tihanyberg hinauffährt. Wer an den Plattensee kommt, muss hier in Tihany gewesen sein. Die Berghalbinsel wird von der doppeltürmigen Klosterkirche beherrscht, die gelb-golden im Sonnenlicht erstrahlt. Die Schweiburger besichtigen das Innere der uns bekannten Kirche, Emmrichs melden sich kurz ab, um ihr Weinlokal mit dem herrlichen Blick auf die Bucht und den See wiederzufinden und zu geniessen.

Unter grünen, großen schattigen Sonnenschirmen finden und genießen wir die malerische Idylle inmitten einer vielfarbigen Blütenpracht. Es ist für mich ein Kaiserblick. Dann kommen unsere Besuchsbegleiter und die Schweiburger auch hier entlang. Wir bummeln weiter. In der Post wird nochmals Geld gewechselt, um vielleicht etwas Schönes für zu Hause kaufen zu können. Ein Haus habe ich in Paprikahaus umgetauft. An der Außenfront hängen später nicht mehr ganz so viele gelbe, rote, braune aufgereihte Paprikastränge. In den zahlreichen Souvenirständen der Budenstraßen gibt es Tischdecken, Lederwaren, Holz-, Glas- und Porzellanfiguren mit Aufdruck Plattensee zu kaufen und einiges wird als Mitbringsel für die Heimat mitgenommen, anderes per Erinnerungsfoto. Man kann sich hier lange aufhalten, Urlaub machen. Schweren Herzens geht es um 12.30 Uhrweiter, nun zum Mittagessen nach Veszprém. Dort werden wir in einem Rastlokal am Stadtrand mit landestypischen Gerichten verwöhnt: Tomaten-Fisch-Suppe und gefüllten Palatschinken, letzterer in drei Varianten: entweder Marmelade oder Quark oder Creme.

 

Weiter geht's ins riesige Einkaufszentrum Tesco, auf der grünen Wiese vor den Toren von Veszprém. Hier gibt es zu kaufen, was das Herz begehrt oder was als Souvenir noch fehlt. Die Preise sind allerdings, im Verhältnis zur Kaufkraft, sehr hoch. Das merkt man auch an der relativ geringen Kundschaft. Elisabeth erzählt, dass sie etwa einmal im Monat hierher zum Großeinkauf fährt. Ein Beispiel dafür, wie sich die Lebensgewohnheiten mehr und mehr angleichen...

 

Weiter geht die Fahrt Richtung Bakonynána. Etwa 8 km davor liegt die Kleinstadt Zirc. Wir haben Glück. Das berühmte Zisterzienserkloster, eines der größten und noch genutzten des Landes, hat seine berühmte Bibliothek für uns noch geöffnet. Der Zahn der Zeit nagt am Gemäuer mit seiner typisch beige-gelben Schlossfarbe. Durch das große schmiedeeiserne Tor gelangen wir in den Rundhof. Am gegenüberliegenden Ende führt eine Steintreppe zum hohem Eingangsportal.

 

Wir betreten das Klostergemäuer. Hohe, hellschallende Gänge und breite, kahle Treppenhäuser, schalldämmend mit Teppichläufer belegt, wirken nüchtern und doch erhaben. Wir müssen auf dem Teppich bleiben, sinnvoll, will man die Besucherströme einrichtungsschonend lenken. Zwei große Räume ziehen die Besucherstöme an: die große Bibliothek mit ca 10.000 Büchern, Bänden, Folianten, Karten, einmalig in ihrer Zusammenstellung und Größe. Die Fenster sind verdunkelt, spezielle Scheinwerfer beleuchten den Raum, der nur bedingter, gleichmäßiger Helligkeit ausgesetzt sein darf, soll er keinen Schaden nehmen. In Glasvitrinen liegen besonders wertvolle, teils jahrhundertealte Schriften, wie die handegeschriebene Bilderbibel, andere exakt geschriebene Texte, künstlerisch verziert, kleine Gerätschaften danebenliegend. Die Wände sind bis unter die Decke mit Büchern gefüllt. Die eingebauten offenen Schränke in schwerem mittelbraunen Holz scheinen, für die Bücher angepasst, gefertigt worden zu sein.

 

Eine Buchausleihe nach außerhalb ist nicht möglich. Gelesen werden kann nur vor Ort. Dies wird für wissenschaftliche Arbeiten zugänglich gemacht.  Der Fußbolden ist aus hellerem rötlich schimmernden Intarsien-Mosaik, sicherlich sehr beeindruckend. Aber die wenigen Momente der Erklärung reichen nur für eine Anschauungsbeschreibung, nicht für eine Sinnerläuterung. Wir müssen uns sputen, nahe bei der Führerin zu bleiben, um alles verstehen zu können und dennoch nicht die tauabgegrenzten Läuferbahnen zu verlassen.

 

Der benachbarte Leseraum beeindruckt gewaltig. Hier sind es weniger die Bücher, sondern die besonders kunstvollen Holzschnitzereien, Intarsienarbeiten, die den Fachmann zu wissenschaftlichen Auslegungen, den Laien zum Aufsperren von Mund und Nase bewegen.

 

In weiteren angegliederten Räumlichkeiten durchlaufen wir ein naturkundliches Tier- und Pflanzenmuseum, sehen heimische Vögel, Bodentiere aller Art und Gehölze. Auch hier beeindrucken die ausgezeichneten Dekorationen, die lebensgroßen Darstellungen in nachgestellter natürlicher Umgebung, die Beschriftungen in Ungarisch, Deutsch und Englisch. Der Interessierte braucht mehr Zeit, sich all das anzusehen. Wir aber waren auf der Durchreise, sollten und wollten die Bibliothek gesehen haben, von der schon die Jader Märzgruppe berichtet hatte.

 

Kurz darauf sind wir zurück in Bakonynána. Es sind wenige Minuten Zeit, sich frisch zu machen. Zita bringt uns mit dem Auto runter ins Dorf. Auf dem Dorfplatz ist eine  große Holzbühne aufgebaut, auf der sich der Musikverein zum Abschluss-Platzkonzert aufgebaut hat. Bakonynána ist auf den Beinen. Die Zuschauer und Zuhörer säumen den Platz und die Straße, die durch quergestelle PKW s beidseitig gesperrt wird.

 

Miklós macht mich kurz mit zwei Herren bekannt, die mich sprechen wollen und sich mir als Schullehrer und Pfarrer aus Zalacsány, einem Dorf in der Nähe des weltbekannten Heilquellenortes Hévis, nahe dem anderen Ende des Balaton,  vorstellen. Wir sprechen eine halbe Stunde im Speiseraum der Gastwirtschaft miteinander, während draußen der Musikverein sein Abend- und Abschiedsständchen erklingen lässt. Die beiden Herren sind sehr beeindruckt von dem, was über unseren Besuch in der Zeitung gestanden hat. Sie bitten um Vermittlung, da sie für Ihren Ort ebenfalls an einer Partnerschaft zu einem deutschen Ort interessiert sind. Ich sage ihnen zu, die mitgebrachten Prospekte und Unterlagen an die geeignete Stelle weiterzuleiten, von der sie dann Antwort bekommen werden. Dann reihen wir uns in die Menge der Zuhörer draußen ein, klatschen im Takt der Musik mit zu dieser, trotz der Tageswärme abends doch schon frisch-kühler Stunde.

 

Das Konzert erfreut die Menschen, die dankbar Beifall klatschen, überaus. Elek, Elisabeth und Kati stehen in der Nähe, auch Andreas, Kornélia und Joszéf, Miklós und Zita, Áttila und alle anderen, die wir als so nette, gastfreundliche Menschen kennengelernt haben.

 

Miklós, der auch mal publikumswirksam zum Dirigieren gebeten wird, überreicht einen großen Pokal an Dieter Büsing, stellvertretend für den ganzen Musikverein. Es folgen musikalische Zugaben und Abschiedsworte. Es ist eine gelungene Abschlußveranstaltung!

 

Anschliessend gibt es in der Gaststätte auf der Ecke zum Abendessen Schnitzel mit Kartoffeln und Paprikastreifen.

 

Offizielle Worte der Verabschiedung folgen meinerseits. Ich bedanke mich für die herrliche Besuchszeit, für das gespürte Willkommensein und äußere den Wunsch, dass dies der Anfang einer endlosen Besuchsfolge sein möge. Ja, das möge so sein, wird mir geantwortet.

 

In kleinem Kreise sitzen wir noch lange beim Bier: Miklós, der Bürgermeister; Andreas der Onkel und treuer Besuchsbegleiter; István, der Schulleiter; Elisabeth, Herz und Motor des ganzen; Elek, Musiklehrer und mehr; Jari, der Feuerwehrchef; Gábor und einige weitere Männer des Ortes und Ehepaar Emmrich. Wir plaudern über das Gestern, Heute, die Zukunft, über Bakonynána, Jade und Europa und die aktuelle Weltpolitik. Nicht nur, weil man am Stammtisch sitzt, nein, sondern wir spüren, irgendwie gehören wir zusammen und aus vielen Kleinigkeiten heraus ist das zu verstehen und zu bejahen.

 

Ich möchte eine Runde bestellen. Bestellen darf ich, ja, aber bezahlen, das darf ich nicht. Dafür sind wir Gäste.  Köszönöm szépen, vielen Dank!

 

Vielleicht werden wir später mal zu Einheimischen gekürt, denke ich und dürfen einen ausgeben. Wir steigen in Miklós Auto; er fährt mit uns nach Hause. In seiner Wohnung sitzen wir mit ihm und Zita beim Wein noch eine nette Zeit beisammen, und dürfen persönliche Abschiedsgeschenke in Empfang nehmen. Das große Buch über die Geschichte Ungarns wird mich durch die Zukunft begleiten, die netten verpackten Naschereien, der Wein, das Paprikaöl, sie werden nicht so lange halten. Herzlichen Dank Miklós! Herzlichen Dank Zita! Danke Euch für Eure offizielle und Eure private Gastfreundschaft!

 

Rasch Koffer packen, schneller schlafen!

 

 

 

Donnerstag, 11.10.2001

 

Es ist noch dunkel, als wir aufstehen, die Koffer zu Ende packen, noch einmal kräftig frühstückverwöhnt werden.

Ehepaar Emmrich verabschiedet sich von  Familie Kropf, wir umarmen uns; es gibt ein riesiges Verpflegungspaket mit. Nein, Tränen gibt es nicht, denn wir wissen alle, wir kommen wieder zusammen in Bakonynána oder in Jade, in Bakonynána und in Jade!

 

Der Bus hält vor dem Haus, wir steigen mit ein und winken den Frauen, die schon früh zur Verabschiedung auf den Beinen sind und ihre Gäste zum Bus bringen, kräftig zu. Der Bus rollt an....

 

V i s z o n t l á t á s r a   Bakonynána   Auf Wiedersehen!

 

Kati, Áttila, Elek, Andreas, Joszéf und Elisabeth haben sich frei genommen, ihre Schichtarbeit verlegt, um uns bis Györ begleiten zu können. Und auch auf dieser Fahrt bekommen wir noch einige Sehenswürdigkeiten durch die Busfensterscheiben zu sehen. Wir sind frühzeitig in Györ. Dann kommt der ICE "Franz Liszt". Ein letztes Händeschütteln, alle drücken uns noch Abschiedsgeschenke in die Hand. Wir hoffen, den Nußbaumtrieb gut nach Hause zu bekommen, Andreas! In den Augen dieser Menschen lesen wir und antworten zurück:

 

Viszontlatasra, all Ihr Freunde!

 

 

Der Zug rollt nach Nordwesten, der Heimat zu. Das Abteil mit unserer Platzkartennummer ist nicht dem Zug angehängt worden. Wir suchen und finden einen freien Platz.

 

An der Grenze zu Ungarn haben wir eine gute halbe Stunde Verzögerung, die weder bis Wien, noch bis Nürnberg aufgeholt werden kann. Der Anschluss-ICE konnte nicht mehr warten. Platzkarten ade. Die Zugführung empfiehlt, weiter bis Würzburg mitzufahren, weil man hofft, noch aufzuholen und den Anschlußzug telefonisch dort zum Warten zu bewegen.

 

Ging nicht. Wir warten in Würzburg eine Stunde auf den nächsten ICE nach Hannover. Der ist überfüllt, die Schweiburger mit ihren Instrumenten haben Stress, Platz zu finden ... Irgendwie geht's. In Hannover nach Bremen umsteigen. Draußen ist's dunkel und frisch, wir sind wieder in Norddeutschland. Irgendwann fährt ein Zug in der Abenddunkelheit weiter nach Oldenburg, wo uns Nachbar Klaus abholt. Die Schweiburger fahren bis Varel, dann weiter mit dem Bus. Wir sind wieder zu Hause.

 

Wenn ich heute die Augen zumache, sehe ich Euch vor meinem geistigen Bild. Viszontlátásra Ihr Freunde in Bakonynana!

 

 

Ferdinand Emmrich, im Oktober 2001.